XX – Ein Phänomen der Sinnlichkeit
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XX – Ein Phänomen der Sinnlichkeit

XX – A Sculpture of the Album“ so heißt das „physische Musikvideo” des Regisseurs Saam Farahmand. Dabei handelt es sich um eine Art begehbare Videoinstallation, die das Debüt von The XX vollständig visualisiert. Mit ihrem ausverkauften Auftritt im Kölner E-Werk haben The XX jedoch gezeigt, was das Besondere an dem Erlebnis eines Live-Moments ist. Eine direkte Interaktion zwischen Publikum und Band sowie eine überwältigende leibliche Erfahrung haben den Abend kurzweilig unendlich werden lassen: XX – Ein Phänomen der Sinnlichkeit.

Druck. Schock. Beben. Eine Wucht voller Bass, dessen Frequenz intensiv in den Körper stößt, begleitet von einem pochenden Beat und umschwirrenden Lichtern bot einen kraftvollen Auftakt für das Konzert. Als dann aus diesem Tumult behutsam der klare Gitarrenklang empor stieg und die helle Melodie von „Intro“ ertönte, wurde man von der bekannten Zärtlichkeit der XX erfasst. Getaucht in einem violetten Leuchten formten die sonoren Stimmen von Romy Croft und Oliver Sim beim nächsten Lied „Crystalised“ nun auch Wörter. Bereits nach den ersten paar Minuten ihrer Performance war deutlich, dass die Zeiten, in denen The XX mit Attributen wie „Regungslosigkeit“ und „von der Platte spielen“ gebracht wurden, passé sind. Obwohl Baria Qureshi die Band verlassen hat, machten The XX aus der Not eine Tugend. Teilweise wurden die Keybordparts vom MPC spielenden Jamie Smith übernommen, teilweise die Songs anders arrangiert. The XX trauten sich ihre Lieder zu verändern, indem zusätzliche oder abgewandelte Beats, eine eindringliche Bass Drum oder erweiterte Gitarrenphrasen hinzugefügten. So wie in dem Lied „Fantasy“, welches Sim, auf einem Verstärker stehend zum Publikum gewandt, fast vollständig a cappella sang; bis dann die sanfte Instrumentierung anschwoll um den Raum zusätzlich mit Klang zu füllen.

The XX kosteten jeden Ton wie jede Pause gleichermaßen aus. Sie spielten mit Genuss und mit Spannung. Eine Spannung, die spürbar war, als sich die Wege von Croft und Sim bei „Night Time“ in der Mitte der Bühne kreuzten, sodass die Zeilen „So I’ll tell the truth, I’ll give it up to you“ noch mehr an Wirkung gewannen. Eine Spannung, die in den Körpern von Sim und Croft abzulesen war und die sich auf das Publikum übertrug. Sei es durch die zackigen Bewegungen von Croft oder durch das anmutige Tanzen von Sim. Doch affiziert wurde man sowohl  durch Körper und Klang, als auch durch den akkuraten Lichteinsatz, welcher die Musik perfekt untermalte. Eine visuelle Inszenierung, die nicht nur rhythmisch und atmosphärisch passgenau war, sondern ebenso die schlichte Ästhetik der Musik aufgriff und erahnen ließ, was für ein durchdachtes Konzept hinter dieser Show stehen muss.

Der leicht unterkühlte Sound von The XX entflammte das Publikum. Das stand spätestens bei „Infinity“ außer Frage, als die Menge zum Beat klatschte, was bei der Band sogar ein Lächeln im Gesicht und noch mehr Intensität beim Spiel hervorzauberte. Wer hätte gedacht, dass solche intimen Momente in einem so großen Saal wie dem E-Werk möglich sind? Und wer hätte gedacht, dass man aus so einem Lied wie „Do You Mind“ von Kyla ein ergreifendes Stück machen kann?
Außer diesem Cover haben The XX alle Songs ihres Debüts zum Besten gegeben und mit jedem Einzelnen begeistert. Glanzvoll war aber vor allem die Zugabe: als an der hinteren Wand – auf der ansonsten völlig dunklen Bühne – kleine Lämpchen erleuchteten, war das entzückte Staunen des Publikums überall hörbar. „Stars“ sollte den Abend gebührend verabschieden. Noch ein letztes Mal wurden alle Sinne angeregt und jeder Moment ausgekostet.

Momente, die man in Erinnerung behalten sollte, denn wie Sim versicherte wird es ein nächstes Mal alsbald nicht geben: „This is our last european tour for quite a while.“ The XX schienen glücklich und berührt an diesem Abend. Auch wenn Sätze wie „thank you for having us back“ oder „thank you so much for your support“ eher die Ausnahme bildeten, spürte man, dass sie ehrlich gemeint waren, dass sie von Herzen kamen. Und überhaupt wie heißt es doch so schön in „Stars“: „No need for talking, I already know.“